THOMAS ZÜRCHER

Gründer und Ehrenmitglied des Vereins Zwangsadoption-Schweiz

 

Interviewt am 16. März 2012

1942 kam Thomas Zürcher im Kanton Zürich zur Welt. Der Vater ein tüchtiger Fabrikarbeiter, die Mutter Hausfrau und liebevolle Mutter von zwei Buben und einer Tochter. Als ältester Sohn, sahen seine Geschwister die um etliche Jahre jünger sind, bedingt durch die Kriegsjahre, in ihm ein Vorbild.

Dieses Vorbild kam ins wanken als Thomas sich mit 16 Jahren in die 14 Jährige Rita verliebte. Er fing an viele erzieherischen Maßnahmen zu hinterfragen. Lehnte sich gegen Eltern und Schule auf. Mit Geschick konnte der redegewandte Vater einen Beistand verhindern und dadurch Thomas eine erzieherische Versorgung ersparen. Als aber im Spätherbst 1960 Thomas und seine Freundin Rita den Eltern voller Freude von der Schwangerschaft erzählten, waren von beiden Teenager die Eltern strickt dagegen und redeten ihnen ein: "Ihr verbaut euch die Zukunft und wo nehmt ihr das Geld her, für das Kind zu versorgen."  Die Eltern gingen soweit, dass sie Rat bei der Gemeinde suchten.

Das war der Punkt wo sich das Leben für Thomas änderte. Rita kam in das Mutter-Kindhaus in Zürich und Thomas musste zur Erziehung in eine Arbeitsanstallt, wo im das Schreinern beigebracht wurde. Irgend wie gelang es den beiden heimlich Briefe auszutauschen. So erfuhr Thomas von der bevorstehenden Geburt.  

Im Unerlaubt entfernte er sich von seiner Werkstatt und eilte nach Zürich zu seiner Freundin, welcher er die Heirat versprach. 

 

"19 Jahre alt war ich damals als meine Freundin 17 Jahre alt mit wehen im Spital lag. Alle waren gegen eine Heirat.  Eltern, Schwiegereltern, Vormünder und Behörden beschlossen über unsere Köpfe hinweg, das Kind kommt weg. Unser Wunschkind wurde gleich nach der Geburt weggebracht und noch im Spital wurde ich abgeführt wie ein Verbrecher und im Gefängnis versorgt. Weder die Freundin noch meine Tochter sah ich jemals wieder."

 

18 Monate wurde Thomas ohne etwas verbrochen zu haben ins Gefängnis versorgt.  Als er mittellos entlassen wurde, musste er ohne Hilfe eine Wohnung und Arbeit finden.

 

"Meine Eltern wollten keinen Kontakt mehr, da ich ein schlechtes Vorbild für meine Geschwister sei. Und sowieso, so einem "Zuchthüssler" kann man nicht vertrauen. Ritas Eltern trotten bei meinem Besuch mit der Polizei. Als Knaschti war ich in der Gesellschaft abgestempelt. Es spielte keine Rolle, dass ich unschuldig eingesperrt wurde. Es machte mich Krank, das niemand zuhörte, oder mir erklärte, was ich den Falsch machte."

 

Bitterlich musste Thomas erfahren dass er nur eine Chance hatte, "die Vergangenheit zu verleugnen". Nur durch gefälschte Zeugnisse fand er auf dem Bau eine Stelle und Unterkunft. Er arbeitete sich bis zum Leitenden Bauführer hoch. 1981 mit fast 40 Jahren verliebte er sich in seine heutige Frau. Mit ihr zusammen und der 1986 geborenen Tochter wurde das Leben für Thomas erträglich und er durfte Liebe und Geborgenheit erleben und weitergeben.

 

 


HOMMAGE

EIN STILLER HELD HAT GROßES BEWIRKT - DANKE THOMAS

Thomas setzte sich für sein und anderer Opfer Rechte auf Gemeinde-, Kanton- und Bundesebene ein.

Um auf Gehör zu stoßen, berichtete er den Beamten über Zwangsadoptionen in Australien, Argentinien, Spanien und der DDR und verwies auf derer Organisationen, welche man Achtet und Behörden mit ihnen nach konstruktiven Lösungen suchen. Abgesehen davon, dass kaum ein Opfer an die Öffentlichkeit geht, weil Betroffene mit Scham und Schuld sich selbst stigmatisieren, ist unbestritten nicht jede Adoption eine Zwangsadoption. Sowie aus den schriftlichen Dokumenten Zwang im Sinn von Drohung, Einschüchterung, Nötigung, Erpressung, Gewaltanwendung selten etwas ersichtlich ist. Ausübung von Druck auf die zumeist ledigen und mittellosen Mütter, resp. Väter, muss aus den Dokumenten mit Phantasie erschlossen werden und bleibt so ein Stück weit spekulativ. Deshalb sind die mündlichen Quellen der Mütter und Väter unumgänglich anzuhören. Thomas ermutigte Betroffene sich zu outen und Behörden und Organisationen hinzuhören und zu handeln.

Mit einem Zusammenschluss aller Adoptionsakteure sind wir stark - war seine Propaganda. So entstand die Idee des Vereins Zwangsadoption-Schweiz. 

 

Nach einem langen Leidensweg der Krankheit Darm-Krebs, verstarb Thomas Zürcher am 12. April 2014. Er war Initiant der Eltern-Selbsthilfegruppe in Zürich und Gründer der IG Verwaiste Eltern, welche jetzt als Verein Zwangsadoption-Schweiz agiert.